Friday, January 13, 2006

2. Essay

Diskutiere die wichtigsten Aussagen der Werke „Die Gabe“ von Marcel Mauss und „Rites de Passage“ von Arnold Van Gennep. Wie sind die beiden Autoren im Kontinuum ausgehend vom Durkheim’schen Werk bis zum Strukturalismus einzuordnen?

Übersicht:
1. Marcel Mauss
1.1. Ein biographischer Kurzabriss
2. „Essay sur le don“ - „Die Gabe“
2.1. Einleitung
2.2. Reziprozität und das System der totalen Leistung
2.3. Kula und Potlach
2.4. Schlussfolgerungen im Bezug auf unsere heutige Gesellschaft
3. Van Gennep
3.1. Ein biographischer Kurzabriss
3.2. Das Umfeld
4. „Les rites de passage“ – Wichtigste Aussagen des Werkes
5. Vom Durkheim’schen Werk bis hin zu Strukturalismus

1. Marcel Mauss

Ich möchte hier nicht nur die wesentlichen Schritte seines Lebens kurz beleuchten, sondern auch das Umfeld in dem er tätig war, kurz charakterisieren. Ich denke dies ist wichtig, um die Fragestellung zu beantworten, denn ohne einen Einblick in diese Zeit zu erhalten, wird es schwierig den Überblick zu behalten.

1.1. Ein biographischer Kurzabriss
Marcel Mauss wurde am 10. Mai 1872 in Épinal in Frankreich geboren und starb am 11. Februar 1950 in Paris. Er war Soziologe, Ethnologe, Anthropologe und Èmile Durkheims Neffe. Das hatte unter anderem zur Folge, dass er schon in frühen Jahren sehr von ihm gefördert wurde. Mauss entschloss sich ebenfalls für ein geisteswissenschaftliches Studium an der Université de Bordeaux, an der zur selben Zeit auch sein Onkel lehrte. Nach zwei Jahren erhielt er sein Lizenziat für Philosophie, Psychologie, Jura und Soziologie, beschloss aber sein Studium an der Ècole Pratique des Hautes Ètudes an der Sorbonne in Paris fortzusetzen. Dort beschäftigte er sich mit der vergleichenden indo-europäischen Linguistik, Indologie, Sanskrit, Hebräisch und Religionsgeschichte. Er suchte in seinen Forschungen nach Verbindungen zwischen Religion und Mythen, genauso wie Arnold Van Gennep, auf den ich später zu sprechen komme. Obwohl er seine Habilitationsschrift nie fertig gestellt hatte, bekam er doch die Möglichkeiten selbst dort zu unterrichten. Mit seinem Onkel stand er stets in gutem Kontakt. Gemeinsam brachten er und Mauss von 1902 bis 1912 die Zeitschrift „L’Année sociologique“ heraus, in der beide immer wieder Artikel veröffentlichten, einige auch gemeinsam.
Mauss galt nach dem Tod seines Onkels, er starb 1917 in Folge eines Schlaganfalls im Ersten Weltkrieg, als eine der führenden Gestalten in der französischen Soziologie. Der Krieg riss Lücken in den Zirkel rund um das „L’Année scociologique“. [1] Mauss selbst kämpfte im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger und überlebte. Viele der Gelehrten jedoch die Teil des Zirkels rund um die Zeitschrift waren, hatten weniger Glück. Mauss machte es sich nach dem Krieg zur Aufgabe die unvollendeten Werke der Verstorbenen zu editieren und zu vervollständigen.

„Er schrieb nicht nur über soziale Solidarität und kollektive Gefühle, er brachte sie in seinem ganzen Leben zum Ausdruck. Für ihn hatte die Gruppe rund um Durkheim, seine Schüler und Kollegen eine Art Kollektivgeist, der sich in der Année Sociologique, seinem Produkt, repräsentierte. Und wenn man anderen gehört, und nicht sich selbst, was eines der Themen, vielleicht das Grundthema des […] Buches ist, dann drückt man seine Zugehörigkeit dadurch aus, dass man die eigenen Ambitionen dem gemeinsamen Interesse unterordnet.“ [2] E.E.Evans Pritchard

Er selbst war hauptsächlich als Sanskrit Forscher, Religionshistoriker und Soziologe tätig. Als er aber 1923/24 die Zeitschrift wieder ins Leben rufen wollte (nachdem nach 1913 ihr Erscheinen eingestellt wurde) wusste er, dass er auch ältere Ansätze und Zweige verfolgen, und seine eigenen Interessen in den Hintergrund schieben musste, um dem Journal neuen Auftrieb zu geben. So schrieb er viele Rezensionen und Artikel, aber nur drei wichtige Werke. Darunter auch das „Essai sur le don“. [3]
Weiters war er bis 1929 als Chargé de Mission et Délégué du Governement (Gesandter und Regierungsbeauftragter) in Deutschland, in der Sowjetunion und in Großbritannien tätig. Er war 1925 neben Lévy-Bruhl (1857-1939) und Paul Rivet (1876-1958) Mitbegründer des Institut d’Èthnologie an der Sorbonne und arbeitete bis 1940 als Professeur de Sociologie am neu geschaffenen Lehrstuhl am Collège de France in Paris. 1939 beschloss er auf Grund von antisemitischen Tendenzen unter den Kollegen - er war ursprünglich jüdisch, später aber ohne religiöses Bekenntnis (Agnostiker) - seinen Rücktritt. Am 12. Oktober 1940 kam es dann schließlich dazu. Der Krieg brachte ihn nach und nach zum Schweigen. Er musste Unterschlupf in der Cité Universitaire suchen da er aus seiner Wohnung vertrieben wurde, und musste mit ansehen wie viele seiner Schüler, Kollegen und Freunde ins Konzentrationslager geschickt wurden. Seine Reaktivierung als Professor am Collège de France 1944 nahm er nicht mehr in Anspruch, sondern genehmigte sich den wohl verdienten Ruhestand.[4]
Sein Zeitgenosse E.E.Evans Pritchard schreibt über ihn:

„Marcel Mauss, Emile Durkheims Neffe und hervorragendster Schüler, war ein Mann von ungewöhnlichen Fähigkeiten und Kenntnissen, von großer Integrität und strengen Überzeugungen. […] Mauss ging zu den Quellen. Er hatte nicht nur ausgezeichnete Kenntnisse in vielen europäischen Sprachen, einschließlich des Russischen, er war auch ein hervorragender Kenner des Griechischen, des Lateinischen, des Sanskrit, des Keltischen und des Hebräischen; und er war ein brillanter Soziologe.“[5]

2. „Essai sur le don“ – „Die Gabe“

2.1. Einleitung
Dieses Werk, dass nicht nur von großem Methodischen Wert ist, ist auch sehr wichtig für das Verständnis für die Beurteilung von Mauss als Gelehrter, da wenige seiner sonst bekannten Essays von ihm alleine stammen. [6] Mauss arbeitete sehr empirisch, und wendete sich in erster Linie immer konkreten Tatsachen zu, die er dann in ihrer Gesamtheit bis zum letzten Detail hin untersucht. Er will soziale Phänomene in ihrer Totalität sehen, und dies ist vermutlich der Kern der Arbeit. Denn den Austausch in archaischen Gesellschaften, den er untersucht, ist eine totale gesellschaftliche Tätigkeit [7]. „Essais ur le don“ „ […] ist die erste systematische und vergleichende Studie über das weit verbreitete System des Geschenkaustauschs und die erste Deutung seiner Funktion im Bezugsrahmen der gesellschaftlichen Ordnung.“ [8]
Mauss schaffte unter anderem die Grundlage zur Wirtschaftsethnologie, die später von Lreoi- Gourhan, Haudricourt und der Schule des „Substantivismus“ in den USA weiter geführt wurde.

2.2. Reziprozität und das System der totalen Leistung
Im Grunde sagt Mauss, dass der Tausch ein Grundprinzip des menschlichen Interagieren und des menschlichen Handelns ist. Es ist das simple Prinzip des Gebens und Nehmens. Jetzt kann man sich fragen, wieso dann das Schenken auch dazu zählt.
Obwohl Geschenke theoretisch freiwillig sind, schwingt, so Mauss, immer eine Erwartungshaltung vom Geber gegenüber dem Nehmer mit. Eine Gegenleistung kann in allen möglichen Arten erbracht werden. Es kann ein direktes Geschenk schein, oder eines zu einem späteren Zeitpunkt. Aber auch ein „Geschenk“ im Sinne eines Aktes der Ehrerbietung oder eine andere Art den sozialen Status zwischen Geber und Nehmer klarzustellen und aufzuzeigen. Der oberflächliche, auf den ersten Blick selbstlose und spontane Drang ein Geschenk zu machen, verwischt bei näherer Betrachtung und zeigt, dass oft wirtschaftliche oder persönliche Interessen im Vordergrund stehen. Wenn der Tausch nicht auf Gewinnoptimierung aus ist, beruht er eben auf dem Prinzip der Reziprozität, dem Prinzip der Gegenseitigkeit. Dass dies auch heute noch aktuell ist werde ich später erläutern.
Anhand von 2 untersuchten Gesellschaften und deren Art des Handelns, dem Kula Handel und dem Potlach, auf die ich gleich näher eingehen werde, kommt Mauss auf folgendes:
Ein Geschenk ist also nicht umsonst, und meistens eingebettet in ein System von Rechten und Pflichten, dass in vielen Gesellschaften eine wichtige Rolle in der sozialen Struktur spielt. Mauss sieht es als Mittel zum Zweck, um eine Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Diese Wechselwirkungen erzeugen soziale und geistige Bindungen.

Nach Mauss ist die Gabe ein soziales Phänomen, durch das alle Mitglieder einer Gesellschaft zueinander in Bezug gebracht werden, und durch welches Schuld begründet wird. Der Beschenkte will diese oft unfreiwillig auf sich genommene Schuld zurückzahlen. Entsteht ein zeitlich langer Abstand zwischen dem Erhalten und der Erwiderung, wie bei Eltern und Kindern zum Beispiel, so entsteht ein soziales Band.

2.3. Kula und Potlach
Anhand der von ihm untersuchten Traditionen des Kula Handels auf den Trobriand Inseln, und dem Potlach in Stämmen in Nordwestamerika lassen sich die oben genannten Phänomene gut erklären.
Schon Malinowski beschäftigte sich mit dem Kula Handel, und untersuchte wie die Gesellschaft der Trobriander davon abhängig ist. Die Trobriander sind eine matrilineare Gesellschaft, deren Frauen wichtige Oberhäupter mit magischen Kräften sind. Die Gesellschaft basiert auf exogamen Clans und Subclans, deren Häuptlingstümer klar definiert sind. Nicht wie in unseren Breitengraden basiert der Tausch auf Geld, sondern auf die Notwendigkeit der Existenzsicherung. Die meisten Clans nehmen daran teil. Der Tausch wird durch Schiffsreisen innerhalb der einzelnen Inseln vollzogen an denen nur Männer teilnehmen, wobei es mehr als 80 verschiedene Formen des Austauschs gibt. Der Austausch hat außerdem eine funktionelle Rolle.
Die Schlüsselbegriffe in einem System der totalen Leistung (dies nennt Mauss so, weil die Gesellschaft in ihrer Ganzheit daran teilnimmt), dass drei Verpflichtungen mit sich bringt, sind also:
– Geschenke machen
– Geschenke annehmen. Ablehnen heißt Freundschaft/Partnerschaft/Gemeinschaft verweigern
– Geschenke erwidern

Das Prinzip des Kula funktioniert so, dass kostbare Gegenstände, nämlich rote und weiße Muschelketten gleichzeitig in beide Richtungen zwischen den Inseln in einer Art Ring zirkulieren. Die erhaltenen Dinge werden aufbewahrt, aber nicht für immer. Zeitversetzt werden sie weiter getauscht, so bleibt alles in Bewegung. Es geht bei dem Tausch der Ketten nicht um den Tausch an sich, sondern es ist vielmehr eine Möglichkeit sich zu treffen um Nahrungsmittel zu tauschen, Zeremonien abzuhalten, Neuigkeiten auszutauschen und so weiter. Es werden Samen für den Bodenbau, Gerätschaften und ähnliches getauscht. Die Anzahl der Tauschpartner ist festgelegt, und ist man einmal dem Kula beigetreten, kann man nicht mehr aussteigen. Interessant ist weiterhin, dass es eine Gegengabe geben muss, diese aber nicht festgelegt ist. Eine Gleichwertigkeit ist zwar erwünscht aber im Prinzip von keinem Gesetz geregelt. Da die einzelnen Familien aber nicht in Verruf geraten wollen, achtet man darauf, dass man den ersten Geber nicht enttäuscht. Kann man nicht mithalten, ist zwar klar, dass die eine Familie reicher ist, da Reichtum aber dort mit Großzügigkeit gleichgesetzt wird, ist dies keine Schande.
Auf die Frage wie es zur obligatorischen Erwiderung der Gabe kommt, hat Mauss auch eine Antwort. Mit jedem Geschenk wird noch etwas mehr verbunden. Es heißt man schenkt einen Teil seiner Seele mit, somit hat der neue Besitzer einen Teil von dir. Und das muss aus moralischen Gründen selbstverständlich erwidert werden. Außerdem wohnen den Geschenken magische Kräfte inne, die man zu sehr strapaziert, wenn man sie zu lange behält, was das weiterschenken erklärt.
„Gib, soviel du empfängst, und alles wird zum besten“[9]

Anders ist es beim Potlach in Nordwestamerika. Hier hat das ganze einen weitaus wettbewerbsmäßigeren Gedanken. Die Kwakiutl und ihre Nachbarstämme treffen sich ebenfalls bei Festen und Feiern um sich zu treffen, demonstrieren dabei mit maßlos übertrieben Geschenken ihren Reichtum. Viele Stämme und Familien ruinieren sich materiell dabei, um das Ansehen der anderen genießen zu können. Denn diejenigen die am verschwenderischsten damit umgehen, erreichen höchsten sozialen Status. So entsteht die Hierarchie zwischen den Stämmen. [10]
Man könnte den Potlach als übertriebene Form des weltweit verbreiteten Prinzip der Reziprozität sehen, da es in vielen Gesellschaften einen wichtigen sozialen Faktor hat.

2.4. Schlussfolgerungen im Bezug auf unsere heutige Gesellschaft
Am Ende seines Werkes folgen die moralischen Schlussfolgerungen. „Zum Glück ist noch nicht alles in Begriffen des Kaufs und Verkaufs klassifiziert. Die Dinge haben neben ihrem materiellen auch einen Gefühlswert.“ [11]. Mauss führt einige Gesellschaften und Teile der Welt an, in denen der Kapitalismus und die Verkommerzialisierung noch nicht vollkommen überhand genommen haben. Wo Gaben noch eine tiefere Bedeutung haben als ihren materiellen Wert. Auch in unserer Gesellschaft macht man sich Geschenke zu verschiedenen Anlässen, und hier trifft das Prinzip der Reziprozität auf jeden Fall zu. „Das Thema der Gabe, der Freiwilligkeit und des Zwangs des Gabe, der Großzügigkeit und des Interesses, taucht in unserer Gesellschaft wieder auf wie ein beherrschendes, doch lange vergessenes Motiv. […] Erst unsere westlichen Gesellschaften haben, vor relativ kurzer Zeit, den Menschen zu einem „ökonomischen Tier“ gemacht.“ [12]
Wir alle kennen dies wahrscheinlich aus unseren eigenen Erfahrungen. Großteils erwarten wir zwar zu gegebenem Anlass eine Gegengabe - wir erwarten uns einen wirtschaftlichen Vorteil wenn wir schenken, oder es geht um Demonstration von Macht und Reichtum. Aber auch Mauss sagt, „ aber wir sind nicht alle so“. Und darauf lässt sich aufbauen.

3. Arnold Van Gennep

3.1. Ein biographischer Kurzabriss
Van Gennep wurde am 23. April 1873 geboren, und starb 1957 in Bourg-la-Reine in Frankreich. Er war französischer Ethnologe und Zeitgenosse von Marcel Mauss.
Er verbrachte großteils seines Lebens in Frankreich und studierte dort unter anderem Ethnologie, Volkskunde und Ägyptologie. Er verdiente seinen Lebensunterhalt durch Vorträge, das Schreiben von Artikeln, und Übersetzungen. 1912 bis 1915 arbeitete er in der Schweiz, wurde er wegen politischen Äußerungen des Landes verwiesen. Van Gennep beherrschte18 Sprachen und wurde nie müde neue zu lernen. Er war stets jemand der die französische Wissenschaft kritisierte und aktuelle Theorien umzustoßen versuchte. In seiner, wenn man so will, „1. Schaffenperiode“, die bis einschließlich 1920 dauerte widmete er sich vor allem der Ethnologie und der Entwicklung allgemein ethnologischer Theorien. In dieser Zeit entstand sein wohl wichtigstes Werk, „Les rites de passage“ (1909). Unter anderem entstanden:
– 1904 Tabou et totémisme à Madagascar
– 1906 Mythes et légendes d'Australien
– 1911 Les semi-savants
Wie man sehen kann beschäftigte er sich mit Tabus, Religion, Mythen und Riten, und, wie Mauss, mit Verbindungen zwischen Religion und Mythen in Übergangsriten.
In seiner zweiten Schaffensperiode die bis zu seinem Lebensende dauerte beschäftigte er sich hauptsächlich mit der Volkskunde Frankreichs. In dieser Zeit, von 1937-1958, entstand Le manuel de folklore français contemporain.
3.2. Das Umfeld
Darwins Evolutionistische Modell und seine Evolutionstheorie bestimmte das Denken der Kulturwissenschaftler im 19. Jahrhundert in Frankreich. Demzufolge standen also die „zivilisierten“ Europäer an der Spitze. Als dieses Modell untragbar wurde musste ein neues her, nämlich eine gegenwartsbezogene, empirische Betrachtungsweise und Analyse der Tatbestände.
Zu dieser Zeit dominierte in Frankreich Durkheim der, sich vom Evolutionismus seines Vorgänges Auguste Comte abwendete, mit seiner soziologischen Perspektive.
Obwohl Van Gennep und Mauss doch beide in die Schiene der Nachfolger Durkheims gestellt werden können, ist Van Gennep derjenige, der nicht mit dem Zirkel um Durkheim mitmischte. Die Gruppe rund um Durkheim war, wie ich vorhin schon erwähnte, eine sehr mächtige, mit anerkannten Denken und Intellektuellen. Durkheims Umgang mit Van Gennep ist nicht unumstritten. Er versuchte stets seine Aufnahme in den wissenschaftlichen Kreis und die Anerkennung seiner Arbeiten zu verhindern.[13] Dies könnte auch mit dem Kontrast zusammenhängen, den Durkheims „ Les formes elementaires de la vie religieuse“ zu Van Genneps „rites de passage“ aufzeigen. Mehr dazu bei Punkt vier. Ob Durkheims Ablehnung auch mit Van Genneps vernichtender Kritik an Durkheims Theorie des Totemismus zu tun hat (nach der es für ihn unmöglich war in der französischen universitären Wissenschaft Fuß mehr fassen), bleibt dahin gestellt.

4. „Les rites de passage“ – „Übergangsriten“

Im Grunde basiert das Konzept auf Beobachtungen die Van Gennep bei Individuen in Gesellschaften überall auf der Welt in ihrem Gesellschaftlichen Leben beobachtet hatte. Er stellte seinerzeit den ersten Versuch da Rituale verschiedener Völker miteinander zu vergleichen. Er schildert Rituale aus den verschiedensten Kulturkreisen, europäischen, wie außereuropäischen. Dies war durchaus ein revolutionärer Gedanke.
Es gibt zahlreiche Übergänge im Verlauf des Lebens eines Individuums in einer Gemeinschaft, die durchgemacht werden müssen. „Van Genneps Arbeit ging die Einsicht voran, dass in der Vielzahl ethnographischer Arbeiten zu Riten immer wieder Ähnlichkeiten festzustellen waren, die ihn zum Strukturschema der Übergangsriten führte. Der zwangsläufige Wechsel der Individuen zwischen verschiedenen Alters- und Tätigkeitsgruppen führt immer wieder zu institutionalisierten symbolischen Übergangshandlungen sowohl im Lebenslauf als auch in einem allgemeineren Sinn für soziale Gruppen: »Es ist das Leben selbst, das die Übergänge von einer Gruppe zur anderen und von einer sozialen Situation zur anderen notwendig macht.“ [14]
Er definiert also Übergangsriten als Form der Kontrolle über die Ordnung des sozialen Lebens. [15] Mit diesen Übergängen zwischen Lebensstadien, zwischen Zuständen, sind zum Beispiel solche wie vom Mädchen zur Frau, vom Jungen zum Mann, vom Single zum Verheirateten Menschen, von Frau zu Mutter (und so weiter) gemeint. Diese Übergänge können hauptsächlich in vorindustriellen Gesellschaften als problematisch angesehen werden, weil sie für den Einzelnen potentielle Gefahr beinhalten. Da sie in jedem Fall fester Bestandteil des sozialen Lebens sind und nicht individuell vollzogen werden können, braucht man Rituale.

Jedes Ereignis hat also dazugehörige Zeremonien. Bei den Übergängen ist sowohl die Ausgangsposition als auch das Ziel klar definiert. Da das Ziel das gleiche ist, müssen die Mittel zumindest analog sein. Klar ist jedenfalls, dass sich das Individuum verändert, wenn es eine oder mehrere Etappen zurück gelegt hat.“Man darf van Gennep also so verstehen, daß die Bewältigung bestimmter Situationen besonderer symbolischer Formen - der Übergangsriten - bedarf, diese helfen erleichternd, den als problematisch zu verstehenden Übergang zu bewältigen.“ [16]


Es ist schwierig von einem Status in den nächsten zu wechseln, und weil es sich hier um einen Zwischenzustand handelt, nannte Van Gennep sie „Übergangsriten“. Bei der Analyse kam ein drei Phasen Modell heraus. Alle Übergangsriten folgen diesem Modell. Es gibt die

– Ablösungsphase – hier löst sich der Teilnehmer von der Normalität ab.
– Zwischenphase – der neue Sinnzusammenhang des Rituals tritt ein. Oft ein radikaler Unterschied zur Normalität
– Integratrionsphase – die Rückkehr in die Normalität, Wiedereintritt in die Gesellschaft

Sein Konzept der Passagenriten und seine Dreiphasentheorie wurden vor allem von dem Ethnologen Victor Turner (1920-83) weiterentwickelt. Dieser nannte die Zwischenphase auch Liminalität, wobei die Gruppe in der das Ritual ausgetragen wird, eine besonders große Rolle spielt. Denn in der Zeit der Ablösung, braucht man neue Bezugspunkte. Und diese sind, zum Beispiel, bei den Initationsritualen in primitiven Gesellschaften, die anderen Initianten. Heute weiß man aus Studien, dass die eigentliche kritische Phase die Integrationsphase ist. Aber diese Ausführungen würden jetzt zu weit führen.
Van Gennep führt einige Übergänge an, so schildert er zum Beispiel einen Schwangerschaftsritus aus Indien, bei dem eine schwangere Frau ein Haus aufsuchen muss, das extra für die Dauer der Schwangerschaft konzipiert worden ist (Hier wären die Bezugspunkte zum Beispiel andere schwangere Frauen, oder gar der Spezialist selbst usw…). In der Zeit ihres Aufenthalts erfährt sie eine magische Behandlung durch Spezialisten, und nach Beendigung des Rituals, erfolgt die Rückkehr in die Gesellschaft mit einem großen Fest. Van Gennep betont, dass nicht immer jede Phase des Rituals gleich stark ausgeprägt sein muss. Bei Ritualen im Falle eines Todes ist die Ablösungsphase zum Beispiel wesentlich ausgeprägter als die Integrationsphase bei einer Hochzeitszeremonie.

Um wie versprochen einen Kontrast zu Van Genneps Arbeit zu zeigen, will ich noch kurz Durkheims Arbeit über die elementare Formen des religiösen Lebens anführen. Für Durkheim sind die Riten der sichtbare Teil des Gemeinschaftslebens, „die die »mechanische Solidarität« eines als statisch begriffenen Gesellschaftssystems ausdrücken. Durkheims Ergebnisse sind dahingehend zusammenzufassen, dass die »Religion eine eminent soziale Angelegenheit ist«, und Riten vor allem die Werte des Kollektivs ausdrücken.“ [17]
Durkheim trennte die Religion in Glauben(svorstellungen) und Rituale als Bedeutungsträger für kollektiven Glauben und kollektive Wertvorstellungen. Für Durkheim ist das Ritual eine notwendige Interaktion zwischen Individuum und der gemeinsamen Repräsentation des Kollektivs.
“Das Ritual als wissenschaftliches Konzept wurde so zum »Zeitpunkt«, in dem gegensätzliche sozio-kulturelle Kräfte zusammenkommen, ihnen aber auch in ihrer Gegensätzlichkeit sozialer Sinn zugewiesen wurde. Beispielsweise mit der sinnhaften Zusammenführung im Ritualbegriff von Glauben und Verhalten, Tradition und Wandel, Ordnung und Chaos oder Individuum und Gruppe.“ [18]

5. Vom Durkheim’schen Werk bis hin zum Strukturalismus

Dass Durkheim den Schwerpunkt der Disziplin auf eine gegenwartsbezogene (durch empirische Daten belegte) Analyse gesellschaftlicher Tatbestände setzt, haben wir jetzt bereits gehört. Die akademische Glaubwürdigkeit war ihm sicher, und prägt bis heute die Grundzüge „unserer“ wissenschaftlichen Disziplin. Damit war er Wegbereiter der vorherrschenden Strömungen der Anthropologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nämlich für den französischen Strukturalismus (Lucien Lévy-Bruhl, Marcel Griaule, Marcel Granet, Maurice Halbwachs, und selbstverständlich Marcel Mauss und Van Gennep) und den britischen Funktionalismus (Radcliffe-Brown und Malinowski).
Drukheim, dessen Soziologie, die sicherlich eine der wichtigsten Quellen für strukturfunktionalistisches Gedankengut seiner Zeit war, scharte im Laufe seiner Arbeit viele Intellektuelle, darunter Philosophen, Ökonomen, Historiker und Juristen um sich, die alle seine Idee einer selbstständigen Wissenschaft über/der Gesellschaft teilten. Dass, und warum, Van Gennep nicht unbedingt zu diesem Zirkel gehörte, habe ich auch schon erläutert. Gemeinsam brachten Durkheim und Mauss, wie schon erwähnt, von 1902 bis 1912 die Zeitschrift „L’Année sociologique“ heraus, in der beide immer wieder Artikel veröffentlichten. So unter anderem „Primitive Classification“, ein Artikel der die Frage stellt, wie, und ob sich der menschliche Geist einteilen oder eingliedern, strukturieren oder eben klassifizieren lässt. Mauss selbst veröffentlichte weitere Artikel, in denen er sich mit kultureller Ökologie, der Aufopferung, der Magie, mit den Menschheitsbildern („the concept of the person“) und eben dem Austausch von Geschenken beschäftig („Essai sur le don“). In „Primitive Classifikation“ stellten sie nicht nur fest, dass es einen nahen Zusammenhang zwischen der Gesellschaft und der Klassifikation der Natur gibt, sondern auch einen zwischen dem „primitiven“ und dem „wissenschaftlichen“ Denken. In diesem Kontext gaben sie Beispiele von überall auf der Welt an. Aus Australien, Nord Amerika, China und dem alten Griechenland. So meinten sie zum Beispiel, dass man in der fortschrittlichen Kultur Chinas Elemente aus der Klassifikation der Kosmologie der Aborigines in Australien wieder finden kann. Die transkulturellen Ähnlichkeiten zeigen sich in der Klassifikation von Zeit und Raum, von Dingen, und sogar in der Tierwelt. Die Theorie die die beiden hervorbrachten hat nicht nur Elemente des Strukturfunktionalismus, sondern auch des Evolutionismus und des Strukturalismus, so wie alle Theorien, die auf einer eindeutigen Wiedererkennbarkeit der psychischen Einheit des menschlichen Geistes beruhen.[19]
All diese Gedanken darüber wie der menschliche Geist funktioniert, und welche elementaren Denkstrukturen alle Menschen auf der Welt gemeinsam haben, verfolgt Claude Levi-Strauss, der neben Louis Dumont einer der wichtigsten Schüler von Mauss war, in seinen Arbeiten weiter.
Was, angefangen bei Rousseaud, bei Durkheim als eines der wichtigsten Kriterien für menschliches Miteinander galt, nämlich im weitesten Sinne der „contract social“, sah Mauss noch ähnlich. So sah Durkheim sowohl in weiter entwickelten, als auch in primitiven Kulturen die Religion und das Ritual als Bindeglied für Individuen in einem funktionierenden Staat oder einer funktionierenden Gesellschaft. Mauss fügte diesen, im weitesten Sinne im Kopf vorherrschenden Kriterien, noch etwas hinzu. Nämlich die tatsächlich existierenden sozialen Verbindungen, die in “Die Gabe“ zum Ausdruck kommen.
Die großen Strukturalisten der nachfolgenden Generation, Levi-Strauss als auch Dumont, nahmen diese Gedanken, so auch den des Durkheim’schen Individualismus auf, und führten sie weiter. Ersterer greift Mauss’ Thema der sozialen Bande zwischen Menschen, dass bei Strauss jetzt unter dem Thema Verwandtschaft läuft, in „Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ auf.
Strauss behandelt das Thema Verwandtschaft und wie sie geschaffen wird unter einem neuen Gesichtspunkt, nämlich nicht nach der Herkunft, sondern nach der Heirat. Der Kern der Strauss’schen Verwandtschaftstheorie ist die Allianztheorie, die darauf aufbaut, dass in jedem Fall neue Bünde, oder eben Allianzen, gebildet werden, wenn zwei Menschen heiraten. Später griff auch Pierre Bourdieu das Theam der Heiratsformen und der Allianztheorie noch einmal auf. Näher möchte ich jetzt nicht darauf eingehen denn sonst schweifen wir zu von unserem eigentlichen Augenmerk ab. Weiters hat Strauss nämlich die Überlegungen von Durkheim über Religion und Ritual weiter geführt, und beschäftigte sich nun damit, was bei ihm jetzt „Mythenanalyse“ heißt. Hier kommt ein gewisser schwacher Kulturrelativismus zum Ausdruck, da er sagt eine Identifizierung von Mythischen Grundthemen bei jeder Gesellschaft der Welt sei machbar. Mauss’ und Durkheims Ideen der Klassifikation von Dingen und des menschlichen Geists waren hierbei sicherlich ausschlaggebend. Von Strauss’ Idee der kognitiven Anthropologie, nämlich das alles und jedes im menschlichen Denken auf zwei Dinge zurück zu führen ist (Binarität), weiß man heute schon, dass es falsch ist (denn um vor dem „geistigen Auge“ ein Netz spannen zu können, dass wiederum Bilder hervorruft, sind zwei Dinge zu wenig, d.h. mindestens drei notwendig).

Dumonts Werke „Homo Hierarchicus“ und „Homo Aequalis“ verdeutlichen ebenfalls anschaulich, wie das Mauss- und Durkheim’sche Gedankengut weitergeführt wird. Das erste Werk beschäftigt sich mit der Gesellschaft in Indien und dem Prinzip, dass die Notwendigkeit einer Gruppe die Notwendigkeit von Hierarchien ausmacht. Es geht um die Dominanz hierarchischer Strukturen im Gesellschafts- und im Gedankenmuster (Holismus). Einzelne Personen sind keine Individuen im Sinne von Durkheim und Mauss, sondern nur dann vollwertiger Teil einer Gruppe, wenn sie sich unterordnen können. In seinem zweiten großen Werk geht es um die Unterschiede der Funktion eines Individuums in der westlichen Welt. Zusammengefasst ist die wesentliche Aussage des Werkes ungefähr so zu verstehen: Der Einzelne in der Gesellschaft funktioniert im Westen sicherlich anders als im Asiatischen Raum, wie z.B. Indien, weil die Gesellschaft ihn anders formt. Hier hat der Einzelne für sich Priorität. Die westliche Gesellschaft ist geprägt vom Individualismus im sozialen, und der Egalität im Ideologischen Bereich.

Abschließend hoffe ich den Bogen einigermaßen übersichtlich gespannt zu haben, und dass ihr, liebe Leser, die einzelnen Begriffe den passenden Gedankengütern, ihren Meistern und deren Ideologien jetzt einigermaßen verständlich zuordnen und verstehen könnt.



[1] Mauss, Marcel. Die Gabe. Vorwort, S 7
[2] Mauss, Marcel. Die Gabe. Vorwort, S 7-8
[3] Mauss, Marcel. Die Gabe. Vorwort, S 8
[4] http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/mauss/31bio.htm
[5] Mauss, Marcel. Die Gabe. Vorwort, S 7-8
[6] Mauss, Marcel. Die Gabe. Vorwort, S 8
[7] Mauss, Marcel. Die Gabe. Vorwort, S10
[8] Mauss, Marcel. Die Gabe. Vorwort, S11
[9] Mauss Marcel. Die Gabe. Moralische Schlussfolgerungen, S 165
[10] Referat über Marcel Mauss von Elise Silber auf http://elisesilber.blogspot.com/
[11] Gabe. Moralische Schlussfolgerungen, S 157
[12] Die Gabe. Moralische Schlussfolgerungen, S 173
[13] http://geschichteessay.blogspot.com/2005/11/erster-essay.html
[14] http://www.uni-hamburg.de/volkskunde/Texte/Vokus/1999-1/initirit.html
[15] http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/27832.html
[16], [17], [18] http://www.uni-hamburg.de/volkskunde/Texte/Vokus/1999-1/initirit.html
[19] Barnard, Alan. History and Theory in Anthropology. S 65

Quellen:

Mauss, Marcel. Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Vorwort. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. S 7-11
Mauss, Marcel. Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Moralische Schlussfolgerungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. S157-182
Barnard, Alan. History and Theory in Anthropology. Chapter five. Functionalism and structural-functionalism. Cambridge UP: 2004.
http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/mauss/31bio.htm
http://elisesilber.blogspot.com/
http://geschichteessay.blogspot.com/2005/11/erster-essay.html
http://www.uni-hamburg.de/volkskunde/Texte/Vokus/1999-1/initirit.html
http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/27832.html

Friday, November 25, 2005

1. Essay

Émile Durkheim

Durkheim war ein französischer Soziologe und Anthropologe und gilt als ein Mitbegründer der Soziologie als empirische Wissenschaft mit eigenständiger Methode [1]. Er wurde 1858 als Sohn eines Rabbiners in Épinal geboren. Obwohl er sich neben dem Unterricht in der Schule Hebräisch aneignete (er beschäftigte sich aber auch in jungen Jahren schon mit dem Alten Testament und dem Talmud) und die familiären Hintergrunde vermuten lassen, dass er sich ebenfalls dem jüdischen Glauben verbunden sah, folgte als Jugendlicher der Bruch mit der Religion.

Wenn man ihn heute als einen der Gründerväter der modernen Soziologie und Anthropologie bezeichnet, dann hat das mit seiner intensiven Beschäftigung mit sozialen Phänomenen zu tun. Er war einer der ersten, der anthropologische Phänomene im Zusammenhang mit der Gesellschaft sah. Er erkannte Abhängigkeiten und Einflüsse die verschiedene Gebiete zu- und aufeinander. Er war es auch der, ganz im Gegenteil zu den USA, in denen die Anthropologie durch die so genannten „four fields“ begründete, für die Nähe der Anthropologie zu den Sozialwissenschaften verantwortlich war [2] Sein Einfluss auf soziale, politische aber auch religiöse Theorien und Modelle erstreckte sich noch weit in die Arbeiten der Anthropologen der darauf folgenden Generationen, aber auch noch weit in andere Wissenschaften, wie zum Beispiel die Pädagogik.
Viele Anthropologen, zukünftige Sozialwissenschaftler und Denker des 20. Jahrhunderts wurden von Durkheim beeinflusst, unter anderem sein Neffe Marcel Mauss und Claude Levi Strauss, ein Mitbegründer des Strukturalismus, aber auch B. Malinowski und Radcliff Brown, die Begründer des Funktionalismus - alle in Europa. Aber auch die (post-)funktionalistische Forschung der 50er bis 70er Jahre baute auf seinem Modell der segmentären Gesellschaft auf.
Viele seiner Denkansätze waren Ursprung von Theorien im 20. Jahrhundert, und sind auch heute noch wichtig und gültig.

Durkheim selbst galt als „armchair anthropologist“. So ist es nahe liegend, dass die Geschehnisse in Frankreich ihn in seinen Überlegungen durchaus beeinflussten.
Die Anthropologen vor seiner Zeit beschäftigten sich, ob Feldforscher oder nicht, hauptsächlich mit exotischen (oder exotisierten) Gesellschaften und Völkern. Erst durch ihn (und unter anderem Morgan, der später ebenfalls Marx’s Interesse an der Frage beeinflusste, wie es wohl in unserer eigenen Gesellschaft weitergehen würde - seine Antwort war darauf hin der Sozialismus) wurde das kritische Nachdenken über die eigene Gesellschaft etabliert.
Angespornt von J.J. Rousseaus Überlegungen über den Zusammenhalt von Gesellschaften, die Rousseau mit dem „Contract social“ beantwortete, führte er diese weiter aus.
Für ihn stellte sich also die Frage was dieser Vertrag genau bedeutet, besser gesagt: was ist die zentrale Bedeutung eines Individuums auf, und in einer Gesellschaft?
Dieses Thema wird in seiner Dissertation De la division du travail social (1893), gründlich behandelt. Weitere Hauptwerke sind Rules of Sociological Methods (1895), Le suicide (1897), Primitive Classification (mit Marcel Mauss) (1903), und Les formes élémentaires de la vie religieuse (1912). Ich werde mich hier jedoch nur mit dreien von ihnen beschäftigen.

Wenige Jahre nach dem Erscheinen seiner Dissertation, nämlich 1898, gründete er die „L’année sociologique“, die ersten sozialwissenschaftlichen Journale Frankreichs. Durch das abdrucken verschiedenster Beiträge von Wissenschaftlern, Philosophen, Ökonomen usw. erhielten die Bände bald große Aufmerksamkeit, nahmen an Bedeutung zu und lieferten Grundlagen für spätere theoretische und empirische Arbeiten. Hier erschien 1903 zum ersten Mal „Primitive Classification“ als Aufsatz.

In „Über die Teilung sozialer Arbeit“ beschäftigt er sich hauptsächlich mit der Frage wie sich die Arbeitsteilung auf die Individuen und ihr Miteinander in Industriegesellschaften auswirken (Arbeitsteilung selbst, so Durkheim, findet man in allen Gesellschaften. Ob alt und jung, Frau und Mann…).
Die Gesellschaft von der er spricht wird als ein ineinander verbundenes Gefüge gesehen.
Wenn ich in einer solchen Gesellschaft aufwachse, worin unterscheidet sich diese dann von anderen? Worin unterscheide ich mich?
Da in einer modernen Industriegesellschaft nicht mehr ein Individuum eine Ware erzeugt, sondern die Fähigkeiten so spezialisiert werden, dass verschiedene Stationen im Arbeitsprozess ausgelagert werden, so ergänzen sich die einzelnen Individuen, oder, wenn man es negativer ausdrücken will: werden die einzelnen Individuen voneinander abhängig. Dieses Prinzip nennt er „organische Solidarität“. Um ein friedliches Miteinander zu erzeugen ist es also nicht nur Mittel zum Zweck, sich solidarisch jemandem anderen gegenüber zu verhalten, sondern gar nicht anders möglich. Das liegt daran, dass ein Einzelner die Komplexität des Ganzen nicht mehr überblicken kann. So ist das Individuum zwar überaus abhängig, entwickelt jedoch eine Ideologie, die genau das Gegenteil besagt: den Individualismus.[3]
Durkheim ist der erste, der dieses Paradoxon der Industriegesellschaft aufzeigt.
Er versteht das Individuum also als Produkt einer Gesellschaft, dass aber durchaus große Eigenheiten und Freiraum besitzt [4].
Wenige oder nicht - industrialisierte Gesellschaften besitzen solch eine komplizierte Arbeitsteilung, beziehungsweise nicht. Hier kommen andere Faktoren ins Spiel. Wenn Individuen nicht wirtschaftlich voneinander abhängig sind und keine separaten Gruppen mit unterschiedlichen Funktionen, Bedürfnissen und Interessen entstehen, was zählt dann? In diesem Prinzip, das er „Mechanische Solidarität“ nennt zählen Werte wie Religion für den Zusammenhalt einer Gesellschaft[5]. Gerade in kolonialisierten Länder war/ist dies ein wichtiger Aspekt. Da eine einzelne Gruppe für die Gesellschaft zwar, wenn man so will, moralisch wichtig, wirtschaftlich aber nicht notwendig war, hatte der Zerfall einer solchen Gruppe also keine Konsequenz für die Gesellschaft als Ganzes.
Nach Durkheim ist die gegenwärtige Gesellschaft durch Anomie gekennzeichnet. Anomie bedeutet, dass es Mangel an Regulation (/Regulativen) gibt, beziehungsweise einen Zusammenbruch der Normalität vorherrscht, der zu Unsicherheiten führt. Er ist der Meinung das sich die Regeln des Miteinander mit der Zeit herausbilden werden, die die Arbeitsteilung zum Ursprung organischer Solidarität und sozialer Integration machen.

In „Der Selbstmord“ beschäftigt sich Durkheim ebenfalls mit dem Charakter und den Zuständen moderner Gesellschaften. Hier stehen Kollektivvorstellungen im Vordergrund. Er untersucht nicht einzelne Fälle von Selbstmord (Selbsttötung), sondern Selbstmordraten in unterschiedlichen sozialen Gruppen und Ländern. Durkheim fragt sich, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Akt des Selbstmordes eines Individuums und den gesellschaftlichen Faktoren mit denen es umzugehen hat. Im ersten Teil des Werks werden nicht-soziale Faktoren wie Rasse, Klima, Nachahmung oder Geistesgestörtheit im Zusammenhang mit Selbstmordraten untersucht, und es stellt sich heraus, dass dieser Zusammenhang nicht signifikant ist. Im zweiten Teil versucht er die Selbstmorde anhand ihrer Ursachen einzuordnen. Hier unterscheidet er zwischen zwei Gegensatzpaaren, nämlich dem Egoismus (extremer Individualismus) und Altruismus (exzessiver Kollektivismus) und Anomie (Fehlen von Regeln) und Fatalismus (Überreglementierung). Er unterscheidet weiters zwischen drei verschiedenen Selbstmordtypen anhand ihrer Bedeutung in der Gesellschaft [6].

· Der egoistische Selbstmord beschreibt Personen die in diesem Fall nur an sich denken und in keinem Gesellschaftsverband integriert sind. Die Bezüge zu Religion und Familie werden hier untersucht.
· Der Altruistische Selbstmord spielt für moderne Gesellschaften kaum eine Rolle (außer in den Heeren und Armeen), nur in primitiveren Gesellschaften spielt er häufiger eine Rolle. In diesem Fall geht das Individuum (fast) gänzlich im Kollektiv unter, und tötet sich weil es Befehle oder Grundsätze innerhalb einer Gesellschaft befolgt.
· Besonders charakteristisch für moderne Gesellschaften ist für Durkheim die Anomie. Hier werden Selbstmordraten in Bezug auf Konjunkturzyklen untersucht. Es kristallisierte sich heraus, dass sowohl in wirtschaftliche Krisenzeiten als auch bei plötzlichem Wohlstand die Rate ansteigt [7]

"Les formes élémentaires de la vie religieuse" ist Durkheims letztes großes Werk vor seinem Tot 1917. Hier untersucht er die, seiner Meinung nach, primitivste und elementarste Religion anhand der Aborigines in Australien. Sein Ziel ist es anhand der Untersuchung der einfachsten Religionen eine Theorie der höheren Religionen zu erstellen. Religion ist ein Denksystem, ein Produkt einer Gesellschaft. Er geht davon aus, dass sich Ursprünge von Begriffen und Klassifikationen in ihr untersuchen lassen. (Totemismus und Animismus einbauen)
Einerseits sind Bedürfnisse nach Gesellschaft und ein Sinn für Idealisierung in der religiösen Erfahrung zu finden, andererseits enthält auch die primitivste Form der Religion eine Kosmologie. Die Einteilung der Dinge und die Entstehung begrifflicher Ordnung würde einfach die Einteilung der Menschen wiederherstellen.
Religion sei also etwas Soziales, etwas, dass als Produkt einer Gesellschaft gesehen werden kann. Das Leben eines jeden Individuums innerhalb dieser Gesellschaft wird davon beeinflusst [8]. Religion ist die Verkörperung eines Wertesystems, dass der menschliche Geist konstruiert hat.
Religiöse Darstellungen sind kollektive Darstellungen die kollektive Realitäten zeigen. Deswegen ist Religion in ihrem Ursprung auch etwas womit sich Solidarität und Identifikation eines Individuums innerhalb eines Systems der mechanischen Solidarität beschreiben lässt. In Gesellschaften mit Prinzipien der organischen Solidarität ist dies weniger häufig, aber immer noch in einigen Kontexten zu finden.
Religion brachte einen Grund fürs Leben hervor, aber auch den Sinn für Authoritätsfiguren (die ihr Wertesystem bis zum Individuum hin durchsetzen), aber vor allem, und das war für Durkheim entscheidend, unterstütze die Religion die Moral und die sozialen Normen für alle Individuen innerhalb einer Gesellschaft.
Durkheims Annahme war, dass bestimmte Elemente des religiösen Glaubens in verschiedenen Kulturen gleich sind. Der Glaube an Übernatürliches ist nicht unbedingt notwendig oder gleichermaßen zu finden in verschiedenen Religionen, aber die Teilung einiger Aspekte des Lebens, physische Elemente oder bestimmte Verhaltensmuster sind (fast überall) in zwei Kategorien zu unterteilen:



· Das Heilige - Objekte oder Verhaltensweisen die Teil von Riten oder Bräuchen waren oder als kultische Gegenstände gesehen wurden. Heilige Dinge sind also kollektive Ideale die sich auf materielle Objekte fixiert haben. Die Teile des Lebens, denen moralische Überlegenheit zugesprochen werden sind heilig.
· Das Profane - alles, dass keine Funktion oder keine besondere Bedeutung in der Religion hat.

Obwohl diese zwei Kategorien strikt auseinander zu halten sind beeinflussen sie einander und das jeweilige "Überleben" des einen hängt vom anderen ab. Das heilige kann ja nicht bestehen, wenn es keine profanen Bereiche des Lebens gibt die das heilige verehren könnten und umgekehrt [9].
Was geheiligt wird ist unterschiedlich, aber es gibt in jeder Religion Dinge, denen heiliger Charakter zugeschrieben wird. Also ist der Totemismus eine der Urformen, denn Totems sind ähnlich der Einteilung der Gesellschaft in Analogie zur Natur.
Religion erfüllt soziale Funktionen. Sie ist generell, also dazu da, um unterschiedliche Individuen zusammen zu führen, mental und physisch. Indem sie das tut hat sie die Kraft kollektive Werte zu vermitteln, und alle Mitglieder einer Gesellschaft zu erreichen. Dies ist wichtig, denn, würde man die Individuen zu lange auf sich selbst gestellt lassen, so würden diese Werte zu schwinden anfangen. Da sie traditionell ist, existiert sie natürlich vor, aber auch nach dem Tod eines Individuums. Religion entsteht aus der Gesellschaft heraus, denn die Gesellschaft ist es auch, die die Individuen durch Normen und Glauben zusammen hält. Andererseits beansprucht Religion den Einfluss auf die Gesellschaft, aber eben auch auf einzelne Individuen, für sich. Somit nimmt sie sich auch das "Recht" heraus, Dinge zu verbieten oder gewisse Geschehnisse anzudrohen. Da es somit einen spirituellen Weg für den sozialen Druck gibt, sich auszuüben, ist es verständlich, dass sich die Menschheit eine andere Macht außerhalb ihrer Vorstellung such, der sie diese Dinge zuschreiben können. Da diese religiöse Kraft aber nichts anderes ist, als die anonyme Macht des Klans, kann diese Macht in den Köpfen der Menschen sehr gut durch Totems dargestellt werden. Denn diese sind die einzigen sichtbaren Darstellungen, die einzigen Verkörperungen von Gott.
Dieses Sichtbare wird in Ritualen verehrt und geheiligt. Die Beziehung zwischen dem Symbolwert des Sichtbaren, dem Ritual und der Solidarität in der Gruppe ist von großer Bedeutung [10].

"That which science refuses to grant to religion is not its right to exist, but its right to dogmatize upon the nature of things and the special competence which it claims for itself for knowing man and the world. As a matter of fact, it does not know itself. It does not even know what it is made of, nor to what need it answers [11].

Allein nach diesem kurzen Einblick in Durkheims Schaffen lässt sich wohl nicht abstreiten, dass sein Einfluss auf künftige Denker und deren Theorien und Methoden gewaltig gewesen sein muss.


Quellen

König, Rene: Emile Durkheim zur Diskussion. München/Wien, 1978
Lukes, Steven: Emile Durkheim. His Life and Work. A Historical and Critical Study. Harmondswoth, 1973
[2] [3] [5]LV Einführung in die Geschichte der KSA, Prof. André Gingrich, WS 2005,2006
[1] Wikipedia, www.wikipedia.com angesehen am 22.11.05
[4] [7] [8] http://www.lernrausch.ch/upl/soziologie/Wed-21-May-2003_sog.emile_durkheim_zusf.eng.pdf angesehen am 16.11.05
[6] http://www.relst.uiuc.edu/durkheim/Summaries/suicide.html angesehen am 21.11.05
[9] [10][11] http://durkheim.itgo.com/main.html angesehen am 16.11.05

Sunday, October 23, 2005

soo.. das ding is in betrieb genommen. welcome